Inhalt

Alfred Brendel wird 1931 in einem nordmährischen Dorf geboren, hier lernt er von der „Milli-Tant“, einer älteren Kinderfrau, mühelos unzählige Volkslieder.
Als er drei Jahre alt ist, versuchen seine Eltern auf der kroatischen Insel Krk ein Hotel zu führen, Alfred darf für die Hotelgäste den Plattenspieler bedienen und singt bei der Gelegenheit zu den Operettenaufnahmen Jan Kiepuras.
Nächste Station: Zagreb, der Vater ist Kinodirektor und der sechsjährige Alfred bekommt die ersten Klavierstunden. Mit sieben komponiert er einen Walzer, der klingt wie der Radetzkymarsch im Dreivierteltakt und schon bald feiert er sein Bühnendebut in einer Kinderaufführung des Zagreber Opernhauses: Er spielt einen General mit Fez und Säbel und singt zwei Couplets. Wunderkind ist er aber keines, wie er immer wieder betont.
Im Zweiten Weltkrieg wird der Vater eingezogen, Mutter und Sohn übersiedeln nach Graz. Ab diesem Zeitpunkt lassen Alfreds schulischen Leistungen nach, er interessiert sich nur mehr für die Kunst. Dass er mit 16 die Schule abbricht, um sich ganz der Musik zu widmen (und das auch noch als Autodidakt!) verzeiht ihm die Mutter erst viele Jahre später, als ihm die Universität Oxford die erste Ehrendoktorwürde verleiht.
© Ulla Pilz, ORF - Radio Österreich 1

Wissenswertes


  • Geboren 1931 in Vizmberk/Wiesenberg im heutigen Tschechien, erster Klavierunterricht 1937

  • Ab 1943 Klavier- und Kompositionsstudium am Konservatorium in Graz. Bereits 1947 legt er an der Wiener Musikakademie als Externist die Staatsprüfung im Fach Klavier ab, seit er 16 ist, kommt er ohne Klavierlehrer aus

  • Erstes Solokonzert mit 17, Karrierestart als Preisträger des renommierten Bozener Feruccio Busoni - Wettbewerbs. Es handelt sich zwar nur um einen „ehrenvollen vierten Platz“, aber Brendel ist erst 18 und es wird kein 1. Preis vergeben

  • 1950 Übersiedlung nach Wien, erste Aufnahmen. In den 1960ern nimmt er als erster Pianist Beethovens gesamtes Klavierwerk auf

  • 1971 zieht Brendel nach London, wo er bis heute mit seiner zweiten Ehefrau Irene lebt. Mit ihr hat er drei Kinder, darunter den Sohn Adrian, einen erfolgreichen Cellisten. Hinzu kommt noch Tochter Doris aus erster Ehe, die als Rocksängerin Karriere macht

  • In der Saison 1982/83 spielt er in 11 europäischen und amerikanischen Städten alle 32 Beethoven-Sonaten. Auch Mozarts sämtliche Klavierkonzerte spielt er ein, und er bemüht sich lebenslang, Schuberts Klavierwerk die Rolle zu geben, die es verdient

  • Alfred Brendel ist nicht nur Pianist, er veröffentlicht auch Musikessays (am Bekanntesten ist wohl „Nachdenken über Musik“ und fünf Gedichtbände. Er gilt zwar als der Philosoph unter den Pianisten, bevorzugt selber aber das Wort „Denker“

  • Er erhält unzählige Preise und Ehrungen, darunter zwei Ehrendoktorate, den japanische Praemium Imperiale, den Ernst von Siemens Musikpreis, einen ECHO Klassik für sein Lebenswerk oder den Titel „Honorary Knight Commander“

  • 2008 gibt er nach einem Hörsturz und einer über sechs Jahrzehnte langen Pianistenkarriere sein Abschiedskonzert in Wien. Seither schreibt er, gibt Meisterkurse und hält Vorträge und Dichterlesungen


Schon gewusst?


  • Weil ihm die Atmosphäre im Wiener Musikverein zu feierlich ist, führt Brendel in den 1950ern einmal eine Baby-Schildkröte an einem seidenen Faden durchs Publikum

  • Alfred Brendel liebt alles Absurde, Groteske und Kitschige, sei es nun Dada, barocke Architektur oder die Cartoons von Gary Larson. Nach seiner Lieblingsbeschäftigung gefragt, antwortet er „lachen“

  • Das schlechteste Instrument, auf dem er je gespielt hat, stand in Ballarat, einem der kältesten Orte Australiens. Das Publikum ist in Decken gewickelt und Brendel verkündet schließlich, er hätte gern eine Axt, um den Flügel zu zertrümmern

  • Er bezeichnet sich selber als relativ harmonischen Skeptiker; denn der Zweifel sei für ihn nicht ein Werkzeug der Selbstzerfleischung, sondern ein Zeichen geistiger Gesundheit

  • Mit anderen Musikern geht Brendel oft hart ins Gericht. So fragt er sich etwa bei Glenn Gould, warum ein Mensch, der so begabt ist, die Komponisten so fürchterlich malträtiert

  • Wenn ihn etwas aggressiv macht, ist das die Tatsache, dass Schubert, Büchner oder Keats so früh sterben mussten

  • Der Interpret ist laut Brendel Rhetoriker: Er soll lehren, rühren und unterhalten. Und immer wieder von neuem etwas finden oder fühlen, den Notentext „aufwecken und wachküssen“. Das sei die erotische Komponente des Ganzen


Galerie

Empfehlungen