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Dietrich Fischer-Dieskau war einer der Größten.
Dies nicht ausschließlich bezogen auf seine Interpretations-Kunst, sondern im wahrsten Sinne des Wortes: denn mit seinen knapp 1m92 war der deutsche Hüne eine Erscheinung, die seinesgleichen suchte. Auf künstlerischer Seite stand er dieser Größe in nichts nach.

Mehr als 40 Jahre lang war er auf der Bühne präsent, zählte rund 3.000 Lieder in seinem Repertoire, veröffentlichte an die 400 Tonträger. Mit den „Klassikern“ von Schubert bis Hugo Wolf reüssierte er ebenso wie er sich – unbekümmert um allfälliges Publikumsressentiment – um spätere Zeitgenossen wie Paul Hindemith oder Aribert Reimann bemühte. Auch die Opernbühne war Fischer-Dieskau nicht fremd, doch behagte sie ihm nie so recht – seine Welt war jene des deutschen Liedes. Und diese Welt wirbelte er gehörig auf.

Doch was zeichnete diesen Künstler aus, dass niemand, der auf dem Gebiet der Lied-Interpretation seinen Weg sucht, an ihm vorbeikommt? „FiDi“, so der Rufname des großgewachsenen Baritons, brachte gewissermaßen die Sprache zurück in den Gesang. Das „Vorbei-Belkantisieren“ am Sinngehalt des Wortes mit schmachtendem Stimmpathos war seine Sache nicht – bei ihm stand der Text im Vordergrund. Ein Merkmal, das ihm oftmals auch angelastet wurde: Seine gründliche Textexegese und sein überpointierte Artikulieren der Worte wirkten für manch einen übertrieben. Doch letztlich verstand Fischer-Dieskau, was er sang, und wollte es auch das Publikum verstehen lassen. Damit setzte er Maßstäbe.
© Eva Teimel, ORF - Radio Österreich 1

Wissenswertes


  • Dietrich Fischer-Dieskau wird am 25. Mai 1925 in Berlin als Sohn eines Altphilologen und einer Lehrerin geboren.

  • 1942 debütiert er mit Schuberts „Winterreise“ im Gemeindehaus Zehlendorf. Im selben Jahr wird er Schüler von Hermann Weißenborn an der Berliner Musikakademie.

  • 1945 gerät Fischer-Dieskau in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Während der kommenden zwei Jahre erarbeitet sich der junge Bariton – trotz der schwierigen Lage – autodidaktisch den Großteil seines Repertoires.

  • 1948 gibt Fischer-Dieskau sein Opern-Debüt an der Städtischen Oper Berlin (heute: Deutsche Oper Berlin), es folgen erste Schallplattenaufnahmen für die RIAS mit Schuberts „Winterreise“.

  • 1950 geht es für den Bariton an die Mailänder „Scala“, ein Jahr darauf zu den Salzburger Festspielen, 1952 steht er als Wolfram in Wagners „Tannhäuser“ erstmals auf der Festspielbühne in Bayreuth.

  • Einen seiner größten Bühnenerfolge feierte Fischer-Dieskau als Verdis „Falstaff“ 1957 in Berlin. Mit einer jubelnden Rezension streut ihm die „Süddeutsche Zeitung“ Rosen.

  • Ein weiterer Höhepunkt seiner Laufbahn ist die Teilnahme an der Uraufführung von Benjamin Brittens „War Requiem“ im Rahmen der Einweihung der neuen Kathedrale im britischen Coventry 1962.

  • 1983 wird er als Professor an die Hochschule der Künste in Berlin berufen.

  • 1992 beendet Fischer-Dieskau seine aktive Laufbahn als Sänger. Bis zu seinem Tod gab er jedoch noch Meisterklassen – zu seinen Schülern zählen Granden wie Thomas Quasthoff oder Christian Gerhaher.

  • Am 18. Mai 2012, kurz vor seinem 87. Geburtstag, verstirbt Fischer-Dieskau im oberbayerischen Berg.


Schon gewusst?


  • Neben dem Gesang widmete sich Fischer-Dieskau zeit seines Lebens der Schriftstellerei und der Malerei. Rund 5000 bildende Kunstwerke hinterließ der Bariton – darunter auch Portraits von Arnold Schönberg oder Ernst Krenek.

  • Sich selbst erkannte Fischer-Dieskau auf Schallplatten angeblich nicht wieder – immer nur „viel zu starkes Forte, viel zu leises Piano“ hörte er, und quittierte seine eigene Interpretation mit den Worten: „alles übertrieben“.

  • Auf Frauen hatte der deutsche Hühne so seine Wirkung – vier Mal war er verheiratet, seine letzte Ehe mit der Sängerin Júlia Várady hielt bis zu seinem Tod 2012.

  • An Beifallsbekundungen mangelte es dem Bariton nicht – bei seinem ersten Liederabend in Londons überfüllter Royal Festival Hall 1954 hielt der Applaus für den damals 29jährigen eine geschlagene halbe Stunde an. Erst als im Saal das Licht ausging, gab das Publikum nach.

  • Im zarten Alter von sechs Jahren führte der kleine Dietrich vor dem Plattenspieler Carl Maria von Webers „Freischütz“ als Puppenspiel auf. Der erste Opernbesuch schließlich galt Wagners „Lohengrin“ – danach beschloss er, „Heldentenor“ zu werden.

  • Bei seinem Abitur versagte Fischer-Dieskau im Fach „Turnen“ auf ganzer Linie, wog dieses Fiasko jedoch mit seinen tadellosen Leistungen auf dem Gebiet der Musik wieder auf. Seine Worte: „Gesang ist ja auch Turnen“.


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