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Alexis Weissenberg hat sein Leben und das seiner Mutter einem Akkordeon zu verdanken. 1941, der Junge ist zwölf Jahre alt, fliehen die beiden vor dem auch in Bulgarien unerträglich werdenden Antisemitismus, werden mit falschen Papieren erwischt und in ein Lager bei Sofia gesperrt. Sie haben kaum etwas bei sich: eine kleine Tasche und eine Schachtel mit Habseligkeiten, das imaginäre Klavier, das Alexis, der damals noch Sigi genannt wird, immer vor sich sieht, sobald er die Augen schließt, und ein Akkordeon, das ihm eine Tante zum Geburtstag geschenkt hat. Unter den deutschen Wachsoldaten gibt es einen glühenden Musikliebhaber.

Täglich lauscht er Sigis Spiel, und schließlich rettet er Mutter und Sohn vor der Deportation und verhilft ihnen zur Flucht über die türkische Grenze. Von hier aus geht es weiter nach Palästina. In Jerusalem feiert der junge Sigi Weissenberg große Erfolge als Pianist, als er 1946 zum Studium an die Juilliard School aufbricht, hat er sogar schon unter Bernstein gespielt. Kaum in New York angekommen, gewinnt er einen renommierten Wettbewerb und seine internationale Karriere beginnt.


© Ulla Pilz, ORF - Radio Österreich 1

Wissenswertes


  • 1929 wird Alexis Sigismond Weissenberg in Sofia geboren, die Mutter, eine Pianistin, gibt ihm ab dem vierten Lebensjahr täglich strengen Klavierunterricht.

  • 1939 erstes Konzert: Unter anderem spielt er eine selbst komponierte Etüde, die er noch rasch in eine andere Tonart transponiert, damit sie besser klingt. Er erkennt schon bei dieser Gelegenheit, wie sehr er die Bühne liebt.

  • 1941 Flucht: drei Monate in einem nationalsozialistischen Lager bei Sofia, drei Monate in der Türkei, dann Palästina

  • 1943 Solist bei Beethovens drittem Klavierkonzert in Jerusalem, im Jahr darauf Südafrika-Tournee

  • 1946 - 1949 Studium an der Juilliard School, er gewinnt den Leventritt-Wettbewerb in New York (Leo Kerstenberg hatte ihm aus Palästina Empfehlungsschreiben an Horowitz und Schnabel mitgegeben, um eine Teilnahme zu ermöglichen). Daraufhin „erste Karriere“ mit unzähligen Konzerten und Plattenaufnahmen

  • 1956 Übersiedlung nach Paris, Konzertpause bis 1965, er arbeitet an Technik und Repertoire und lebt vom Unterrichten

  • 1965 Rückkehr auf die Konzertbühne, ab jetzt zweite, internationale Karriere, er wird Karajans Lieblingspianist, seine Einspielungen von Rachmaninows „Préludes“, von Liszts h-Moll-Sonate oder von Ravels „Valses nobles et sentimentales“ gelten heute noch als Referenzaufnahmen.

  • Ab 1995 nach und nach Rückzug aus dem Konzertbetrieb wegen seiner Parkinson-Erkrankung, weiterhin Lehrtätigkeit

  • 2007 Ehrendoktorat der Nationalen Musikakademie Bulgariens, die nach Weissenbergs erstem offiziellen Lehrer Pantscho Wladigerow benannt ist.

  • 2012 stirbt der Weltbürger, der acht Sprachen spricht, in der Schweiz, wohin er sich in seinen späten Jahren zurückgezogen hat. Er hinterlässt eine gigantische Diskographie.


Schon gewusst?


  • Kaum ein Pianist scheidet die Geister so sehr wie Alexis Weissenberg: Seinen Kritikern erscheint er zu kühl und intellektuell, seine Fans empfinden genau das als kristallklar und souverän und lieben seine romantische Prachtentfaltung. Nur in einem sind sich alle einig: Seine Technik ist makellos und von atemberaubender Virtuosität.

  • Über sein Privatleben gibt Weissenberg zeitlebens wenig preis, man weiß kaum mehr, als dass er einmal verheiratet war und zwei Töchter hat. Auf Privatfotos zeigt er sich vorzugsweise mit Karlos, einem großen schwarzen Pudel.

  • Weissenberg ist auch Komponist, seine bekanntesten Werke sind eine „Sonate en état du jazz“ für Klavier und die Musicals „Nostalgie“ und „La Fugue“, letzteres für Erzähler, fünf SängerInnen und 14 PianistInnen.

  • Er überschreitet gern musikalische Grenzen, begleitet etwa für das Fernsehen Charles Aznavour und Nana Mouskouri oder nimmt mit der 16jährigen Anke Engelke eigene Kompositionen auf.

  • Alexis Weissenberg ist auch ein begabter Karikaturist und Illustrator und viele seine Collagen sind in Bulgarien ausgestellt.

  • Was Rachmaninows gefürchtetes 3. Klavierkonzert betrifft, sieht Horowitz in Weissenberg seinen einzig möglichen Nachfolger. Weissenberg, der Rachmaninow sogar ein wenig ähnelt, nimmt es insgesamt drei Mal auf (mit Prètre, Ozawa und Bernstein).

  • Auf seine entstaubten, von jeder Süße befreiten Chopin-Aufnahmen angesprochen, sagt Weissenberg: „Eigentlich darf man nie an die Tradition glauben. Die Tradition ist eine Garantie des Todes der Musik. Davon bin ich überzeugt.“


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