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Fragt man die legendäre Kammersängerin Hilde Zadek nach den Größen, mit denen sie gearbeitet hat, so sagt sie über Leonard Bernstein nur ein einziges Wort: maßlos.
Und kein anderes Wort könnte ihn besser umschreiben, ihn, das Jahrhundertgenie, das sich vor allem zwei Dinge wünscht: von allen geliebt zu werden und keinen Tag ohne Musik zu verbringen. Letzteres gelingt ihm bis zum letzten Atemzug und dass ersteres unmöglich ist, sieht er selbst als die Tragik seines Lebens.
Seines übervollen Lebens, das vor allem für ihn selbst viel zu kurz gerät, denn die Kreativität und die Energie des Allrounders kennen keine Grenzen, sei es nun als fast schon tanzender Dirigent, als Komponist, der keine Genregrenzen kennt, als Lehrer, Autor, politischer Aktivist oder Musikvermittler; und Musikvermittler ist er schon mit jeder Faser, lange bevor es das Wort überhaupt gibt.
Leider kennt Bernstein aber auch, was seinen Körper betrifft, weder Maß noch Ziel: Trotz eines Lungenemphysems raucht er bis zu 100 Zigaretten am Tag und spült die vielen Tabletten, die er für alle Lebenslagen nimmt, mit großen Mengen Scotch hinunter.
Vieles bleibt also offen, und Bernstein begrüßt sogar noch den Herzinfarkt, 1990 dahinrafft, mit einer Frage: „Was ist das?“


© Ulla Pilz, ORF - Radio Österreich 1

Wissenswertes


  • als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer 1918 in Lawrence, Massachusetts geboren

  • 1943 Einspringer für den erkrankten Bruno Walter am Pult der New Yorker Philharmoniker

  • 1944 erster Plattenvertrag mit RCA Victor

  • 1945 - 48 musikalischer Leiter des New York City Orchestra

  • 1946 Europadebüt mit den tschechischen Philharmonikern, erstes Dirigat vom Klavier aus (Ravels G-Dur Konzert mit dem Londoner Philharmonia Orchestra)

  • 1953 erster Amerikaner am Pult der Mailänder Scala (Cherubinis Medea mit Maria Callas)

  • 1956 Langzeitvertrag mit Columbia Records

  • 1958 - 69 Chefdirigent von New York Philharmonic

  • 1958 - 72: 53 verschiedene „Young People´s Concert“-Programme, teilweise mit Fernsehübertragung auf CBS

  • 1964 Debut an der Metropolitan Opera (Verdis „Fallstaff“, Regie Franco Zeffirelli)

  • 1971 erster Filmvertrag mit Unitel für die Aufzeichnung von Mahler- und Brahms-Symphonien, über 200 Konzertfilme folgen

  • Autor von fünf Büchern zu unterschiedlichen musikalischen Themen


Schon gewusst?


  • Mit 16 erarbeitet und produziert Bernstein eine eigene Version von „Carmen“ und singt selber die Titelrolle.

  • Allein am Pult von New York Philharmonic dirigiert er über 1000 Konzerte.

  • Für Bernstein ist das größte Kulturphänomen des 20. Jahrhunderts Elvis Presley.

  • Bernstein ist begeisterter Ehemann und Vater dreier Kinder, was ihn aber nicht davon abhält, seine Promiskuität und seine homosexuelle Neigung auszuleben. Als bei seiner Exfrau Krebs diagnostiziert wird, kehrt er zu ihr zurück.

  • Er ist so bekannt dafür, alle Menschen gleich zu umarmen und zu küssen, dass ihn vor einer Papst-Audienz ein Freund per Telegramm ermahnt, ihn nicht auf den Mund zu küssen, sondern nur seinen Ring.

  • Bei einer Einladung ins Weiße Haus okkupiert Bernstein sofort den Lieblings-Schaukelstuhl John F. Kennedys und erklärt ihm ausführlich, wie er das Land regieren sollte.

  • Bernstein hält sich für einen ziemlich guten Lehrer, weil er selbst das Lernen liebt und sich als ewigen Schüler sieht, der seine Studierenden als die Menschen bezeichnet, die ihn am meisten beeinflussen.

  • An seinem 70. Geburtstag sagt er: „Ich rauche, ich trinke, ich bleibe nächtelang wach, ich vögle herum.,,, Ich habe an allen Fronten mehr als genug zu tun.“

  • Der bekennende Erzliberale, Vorkämpfer für jede Art von Gleichberechtigung und Friedensaktivist Bernstein lehnt 1989 die „National Medal of Arts“ ab, um gegen die zurückgezogene Finanzierung einer Ausstellung über Kunst und AIDS zu protestieren.


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