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1964. Georg Solti vergisst einen Interviewtermin, öffnet der BBC-Reporterin Valerie Pitts aber trotzdem die Tür zu seinem Hotelzimmer, mit nichts als einem Handtuch bekleidet und bittet sie, seine Socken zu suchen. Suchend gesteht sie ihm, sie sei kein Opernfan, besonders seit einer schrecklichen „Elektra“ in Frankfurt. Solti lacht; er war es, der diese Produktion dirigiert hat. Pitts ist 27, Solti über 50, beide sind verheiratet und doch ist es Liebe auf den ersten Blick…

So erinnert sich Lady Solti an die erste Begegnung mit ihrem Mann; aber auch sonst ist sie eine nicht versiegende Quelle der Erinnerung an den letzten Giganten einer an Giganten nicht gerade armen Dirigentengeneration.

Sie erzählt die Lebensgeschichte des Heimatlosen, der das Wort „Kosmopolit“ hasst, und zeigt seine dicht in zwei Farben markierten und meist zerfetzten Partituren: Nichts sei ihm leicht gefallen, alles habe er sich hart erarbeitet und erkämpft.
Doch überall habe er Schönheit aufgespürt, und was immer er getan habe, habe er mit Enthusiasmus getan und diesen Enthusiasmus auch weitergeben wollen. Egal, ob es um die Natur ging, um gutes Essen, Witze, Literatur oder eben seine ganz große Liebe, die Musik.

© Ulla Pilz, ORF - Radio Österreich 1

Wissenswertes


  • 1912 als György Stern in Budapest geboren. Nach dem ersten Weltkrieg wird hier Menschen mit deutschen Familiennamen eine Ungarisierung nahegelegt, Vater Stern gibt seinen Kindern den Namen des nahe gelegenen Dorfes Solti. Seinen Vornamen ändert Solti selbst in der Emigration zu Georg

  • Studien in Klavier, Komposition und Dirigieren bei Bartók, Kodály, Dohnányi und Weiner

  • 1937 Assistent Toscaninis bei den Salzburger Festspielen

  • Vor dem zweiten Weltkrieg Emigration in die Schweiz, 1942 erster Preis bei einem internationalen Klavierwettbewerb in Genf

  • 1946-1952 Leiter der Münchner Staatsoper, Beginn der internationalen Dirigententätigkeit

  • 1952-1961 Generalmusikdirektor an der Frankfurter Oper

  • 1961-1971 Leiter des Royal Opera House Covent Garden, das unter seiner Leitung Weltrang erlangt, 1972 Erhebung in den Ritterstand

  • 1969-1992 Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra, 1979-1984 auch des London Philharmonic Orchestra

  • 1995 Gründung des „World Orchestra for Peace“ anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Vereinten Nationen

  • 1997 stirbt Solti im Urlaub in Antibes. Er wird in Budapest neben Béla Bartók begraben, auf seinem Grabstein steht „Hazat“, „Heimgekehrt“


Schon gewusst?


  • Nach dem zweiten Weltkrieg wird er scharf dafür kritisiert, als Jude in Deutschland zu arbeiten; aber er glaubt an ein neues Europa und sagt außerdem, er wäre wie Faust zu einem Pakt mit dem Teufel bereit, nur um zu dirigieren

  • Seine zweite Ehe macht Solti zum Familienmenschen: Er sagt, nichts in seinem Leben sei einer religiösen Erfahrung näher gekommen, als seine beiden neugeborenen Töchter im Arm zu halten

  • Wenn Solti fliegt, darf er keinesfalls gestört werden, offiziell, damit er in Ruhe arbeiten kann, inoffiziell wegen seiner Flugangst

  • Seine Wutausbrüche sind gefürchtet, was ihm in Covent Garden den Beinamen „the screaming scull“, „Der schreiende Totenschädel“ einbringt

  • Sir Georg Solti ist einer der meist ausgezeichneten Dirigenten und quer durch alle Sparten der Musiker mit den meisten Grammies überhaupt (31 Stück)

  • An Aufnahmen stellt er so hohe Ansprüche, dass er damit (und gemeinsam mit dem Team seines Labels, das er liebevol „Decca-Boys“ nennt) die Aufnahmetechnik revolutioniert; er ist der Dirigent, der die meisten Aufnahmen hinterlässt

  • Solti strebt immer nach Perfektion, er sagt, wenn er einmal nach einem Konzert zufrieden wäre, wüsste man, dass es ihm nicht gut geht


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